Ministère itinérance

Recollectio am 21. und 22. Oktober 2017

Pfarrer Röttger berichtet der Hauskommunität von seinen Erfahrungen in Chicago und Poitiers

Die erste Recollectio im Wintersemester 2017/18 stand unter dem Titel: "Andere Länder andere Sitten – Inspirationen zur priesterlichen Identität aus Frankreich und den USA“. Pfarrer Dietmar Röttger, der vor seinem Sabbatjahr als Pfarrer in St. Petri Hüsten tätig war, berichtete der interessierten Hausgemeinschaft über seine Erfahrungen in Chicago und Poitiers (zwischen Tours und Bordeaux gelegen). In seiner Funktion als „Kundschafter“ für den pastoralen Prozess im Erzbistum Paderborn stellte sich Pfarrer Röttger die Frage: „Wie leben die Priester in anderen Gemeindekontexten des Auslandes und wie kann uns dies vielleicht für unsere eigene priesterliche Identität von Nutzen sein, wo wir doch in einem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel leben?“ Wichtig sei es zunächst gewesen, die Situationen vor Ort wertneutral wahrzunehmen und „Aha-Erlebnisse“ zuzulassen. Woanders laufen die Dinge eben anders, man muss sie nicht gleich am eigenen bekannten Gemeindekontext messen. Er habe die Möglichkeit erhalten, so führte Pfarrer Röttger aus, in pastorale Situationen zu kommen, in denen man als „bunter Haufen“ zusammen gemischt worden sei. Er habe in Chicago, was außerhalb von Polen die „größte polnische Stadt“ sei, in einem Pfarrhaus mit mehreren Geistlichen zusammengelebt. Auch sie seien genauso bunt gewesen, wie die Gemeinde selbst.

Die pastorale Situation in den USA gleicht derer im Deutschland der 90er. Mit 50 Jahren habe er dort bei einem Altersdurchschnitt von 40 Jahren zu den Ältesten gehört, während er in Frankreich einer der Jüngsten gewesen sei – was, so fügte er mit einem Lächeln hinzu, der Seele geschmeichelt hätte.

Doch welche Impulse konnte er der Hausgemeinschaft mitgeben?
Aus den USA ist da zunächst das „Leadership“ zu nennen. Führungsqualitäten seien dort sehr wichtig gewesen, jedoch nicht nur auf die Priester zu beschränken. Auch in der Schule werde oft von den Schülern Verantwortung übernommen, um diese so auf das Leben vorzubereiten.
Für eine gelingende Führung braucht es eine gesunde Gottesbeziehung: Wo führt Gott mich hin?
Was braucht es zu einem solchen „Leadership“? Zum einen darf es kein Karrieredenken sein, was einen antreibt, sondern vielmehr die Bereitschaft, Führung als Dienst an der Gemeinschaft zu übernehmen. Der pastorale Dienst habe dabei seinen Ursprung in der Fußwaschung, die Jesus an seinen Jüngern vollzog.
Ein weiterer Aspekt sei es, selbst Perspektiven zu haben, um später anderen Perspektiven aufzeigen zu können. Ebenso bedeute ein religiöses Leben, stets auch im Wandel zu sein, denn nichts anderes geschieht mit dem Menschen, wenn er sich an Christus ausrichtet („Christ-Centered Leadership“). Diesen Wandel macht man gemeinsam durch, was zum letzten Punkt führt, dem Teamwork, also Führung im Zusammenwirken.

Ein anderer Akzent, den die Zeit in den USA aufgezeigt hatte, war das „Role-Model“-Sein. Also selbst ein Vorbild zu sein, das am Vorbild Christi lernt.
Dies sei ihm beispielsweise bei der Firmvorbereitung aufgefallen, als sich die Firmlinge je einen Heiligen aussuchen durften und sagten, warum gerade dieser Heilige ein Vorbild für sie sei.
Glaubenspraxis sei so zum Zeugnis geworden, oder um es mit den Worten des heiligen Franziskus zu sagen:

„Predige das Evangelium und manchmal benutze dazu auch Worte.“
Franz von Assisi
 
 

In einem Schulgottesdienst sei ihm das bewusst geworden, so Pfarrer Röttger, als die Lehrer als erste zur Beichte gingen und die Schüler ihren „Role-Models“ folgten.

Eine letzte Erfahrung, die Dietmar Röttger mit den Studenten teilte, war, dass Dinge besonders wahrgenomen werden, wenn ihre Geschichten erzählt werden.
Die Frage ist, welche Geschichte der je einzelne zu erzählen und zu teilen hat, damit er andere auf diese „spiritual journey“ mitnehmen kann.

Aber auch die Zeit in Frankreich war prägend:
Hier lebte Pfarrer Röttger in einer Landpfarrei mit 55 Kirchen, die nur von drei Priestern betreut wurden. Das Seelsorgegebiet erstreckte sich dabei auf 45x35 km.
Aufgabe der Priester sei es hier besonders gewesen, Hilfestellung für Laien zu geben, die sich in den Pfarreien engagieren. Denn vor dem besonderen Priestertum (Weihe) gebe es eben auch das gemeinsame Priestertum (Taufe). So beerdigen in dieser Pfarrei im Normalfall immer Laien die Gemeindemitglieder, nur in besonderen Fällen, wie Suizid oder Kindstod seien die Priester mehr involviert.
Der Pfarrer verkörpere in einem solchen System ganz deutlich die Einheit der verschiedenen Kirchen untereinander. Die Priester seien unterwegs als „Ministère itinérance“, wie einst Paulus. Sie sind unterwegs im Namen des Herrn, um Menschen um Jesus zu sammeln und sie zu senden.

Wir danken Pfarrer Röttger für seine vielseitigen Impulse, von denen an dieser Stelle nur ein Teil Erwähnung finden konnte, und wünschen ihm für seine neuen Tätigkeiten in Soest Gottes Segen.


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