Priester an den Peripherien des Lebens

Interview mit Domvikar Regens Msgr. Dr. Menke-Peitzmeyer

Oktober 2013

 
 

Monsignore Menke-Peitzmeyer, was reizt Sie besonders an Ihrer neuen Aufgabe als Regens?


Ich finde es reizvoll, junge Männer bei der Entscheidung zum Priesterberuf zu begleiten und ihnen zu helfen, ihren Weg zu finden. Ein Bewerber muss sich klar darüber werden, welches Motivgeflecht ihn veranlasst, sich auf den Weg hin zum Priesterberuf zu machen, welches Motiv darunter wesentlich ist und der späteren Aufgabe angemessen ist. Ein solcher Reflexionsprozess muss für unsere Kandidaten nicht zwangsläufig auf den Priesterberuf hinauslaufen. Mir ist hier das Stichwort der „Pastoral der Berufung“ wichtig, das unser Erzbischof in den diözesanen Prozess „Perspektive 2014“ eingebracht hat. Konkret: Die gemeinsame Berufung aller Getauften ist die Grundlage, auf der sich dann spezielle Formen der Berufung wie beispielsweise der Priesterberuf oder aber ein Leben in Ehe und Familie ergeben. Und ich darf hinzufügen, dass ich Freude an der Vielfalt junger Menschen habe und von daher mein neues Amt hoch motiviert antrete. Mich begleitet seit längerer Zeit ein Gedanke aus dem 1. Petrusbrief: das Wort von der „bunten Gnade“. Die ist im einem Priesterseminar auf jeden Fall anzutreffen!



Sie sind ja bereits Leiter der Priesterfortbildung. Was bedeutet die neue Aufgabe in diesem Zusammenhang. Gibt es so etwas wie Synergieeffekte?


Zunächst handelt es sich um zwei unterschiedliche Arbeitsbereiche: die Ausbildung der Berufseinsteiger (als Regens) und die berufsbegleitende Fortbildung der schon geweihten Priester. Allerdings bauen beide Arbeitsfelder aufeinander auf und müssen dies auch. Von daher bin ich optimistisch, dass wir hier eine inhaltliche Linie herstellen können. Zunächst einmal stehen wir vor der Herausforderung, gute Grundlagen in der Priesterausbildung zu schaffen, die auch im priesterlichen Alltag lebenstauglich sind. In der Fortbildung müssen wir daran anknüpfen und schauen, inwiefern – bezogen auf die sich stets ändernden pastoralen Situationen – die geweihten Priester gezielt fortgebildet werden müssen. Ich denke da beispielsweise an Trainings für Führungskräfte und inhaltliche Impulse im Grenzbereich von Theologie und Spiritualität. Was Synergien zwischen Ausbildung und Fortbildung angeht, so ist es jetzt noch zu früh, konkrete Wege zu benennen. Ich werde zunächst einmal genau hinsehen und dann gemeinsam mit den beiden Teams überlegen, welche Vernetzungen es geben kann.



Sie haben die Veränderungen in der pastoralen Situation gerade schon angesprochen: Wie wirken sich die Umbrüche auf die Ausbildung des Priesternachwuchses aus?


Ich stelle fest, dass die jungen Männer, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten, zunächst einmal ihre eigenen Lebensfragen und –themen mitbringen. Das Stichwort „Identität“ spielt dabei eine zentrale Rolle: Wer bin ich, was will ich, was kann ich? – das sind die entscheidenden Fragen. Die pastorale Situation vor Ort und im Bistum läuft zwar mit, ist aber nicht das bestimmende Thema. Von daher ist es meine erste Aufgabe, Hilfestellung zu leisten auf dem Weg zur Lebensentscheidung, Hilfen im menschlichen, geistlichen und theologischen Bereich. Es braucht da zukunftsfähige Perspektiven!

Konfrontation mit bunter Vielfalt
 
 

Ein zweiter Punkt ist, dass wir den Wert des Gemeinschaftslebens neu entdecken und zeitgemäße Formen des Zusammenlebens in einem Seminar entwickeln. Wir leben ja nicht in einem klassischen Jungeninternat oder gar in einer Kaserne! Die jungen Menschen kommen heutzutage in der Regel aus kleineren Familien und haben im engeren Kreis der Familie nicht immer die Möglichkeit, aneinander und miteinander zu wachsen, wie das früher der Fall war. Wenn junge Priester in Gemeinden kommen, werden sie zwangsläufig mit Gemeinschaft in großer Vielfalt konfrontiert und müssen damit nicht nur umgehen, sondern sollen sie nach Kräften fördern. So etwas kann man meines Erachtens nach wie vor in der bunten, aber auch verbindlichen Vielfalt eines Priesterseminars lernen. Und nicht unbedingt in einer WG oder in einer wie auch immer gearteten Single- oder Junggesellen-Existenz.



Nun wird die Gemeinschaft innerhalb des Seminars heutzutage ja deutlich kleiner. Wird man vor diesem Hintergrund über Veränderungen nachdenken müssen?


Wir haben in unserer Diözese insgesamt knapp 40 Priesteramtskandidaten, von denen 20 dauerhaft als Studierende im Priesterseminar leben. Das ist eine kleine Hausgemeinschaft, und so stellt sich auf die Dauer schon die Frage, ob wir nicht verstärkt mit anderen Priesterseminaren kooperieren müssen. Die Frage der Regionalseminare steht im Raum, zumal es Bistümer gibt, die deutlich weniger Kandidaten haben. In unserem Pastoralkurs, also der Zeit der unmittelbaren Vorbereitung auf die Priesterweihe nach dem Studium, arbeiten wir ja ohnehin schon mit den Priesterseminaren in Fulda und Erfurt zusammen und machen dort gute Erfahrungen. Ich denke, dass sich die Priesterausbildung der Zukunft auf einige zentrale Standorte in Deutschland konzentrieren wird.



Gibt es konkrete Überlegungen in diese Richtung?


Entscheidungen gibt es noch nicht, aber soweit ich meine Kollegen richtig verstehe, ist die Brisanz des Themas bekannt. Eine Umsetzung solcher Pläne ist natürlich Aufgabe der Bischöfe.



Wie wird sich die Bildung der pastoralen Räume in unserem Erzbistum auf die Anforderungen an die jungen Priester auswirken?


Zunächst einmal müssen unsere Bewerber mit der Wirklichkeit pastoraler Räume in Kontakt kommen. Das heißt, dass es wichtig ist, neben dem Studium konkrete Erfahrungen vor Ort zu sammeln. Praktika unterschiedlicher Art können dazu beitragen, ein Gespür für kirchliche Realitäten heute zu bekommen. 

Die Kandidaten für das Priesteramt dürfen nicht im Elfenbeinturm ausgebildet werden.
 
 

Außerdem kommt es darauf an, die soziale Wirklichkeit in unserer Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Darauf macht uns Papst Franziskus ja aktuell aufmerksam, wenn er davon spricht, dass Priester an die Peripherien des Lebens gehen sollen. Das heißt: Unsere Kandidaten dürfen nicht in einem Elfenbeinturm ausgebildet werden. Sie dürfen sich vor Ort auch nicht auf den Dienst in einer Kerngemeinde beschränken, sondern müssen mit allen Schichten der Gesellschaft, auch mit den so genannten „kirchenfernen“ Milieus, in Kontakt kommen. Kurzum: Die Herausforderung für die Priesterausbildung besteht darin, in größeren Zusammenhängen zu denken und zu leben, ohne das theologische und geistliche Fundament ihres Dienstes aus den Augen zu verlieren.


Das Priesterbild hat sich gewandelt. Häufig haben Priester, die sie aus ihrer Gemeinde oder aus Verbänden kennen, einen Vorbildcharakter für die Anwärter. Doch die Anforderungen an sie selbst dürften angesichts der Umbrüche ganz andere sein. Wie gehen die jungen Männer damit um?

Das ist ein wichtiger Punkt! Die Entwicklung des Priesterbildes verläuft parallel zu gesellschaftlichen Veränderungen und Umbrüchen. Junge Menschen kommen nach meinem Eindruck nicht mit einem statischen Priesterbild ins Seminar, sondern sind schon sehr flexibel, oft auch unsicher. Ich sehe die Schwierigkeit eher darin, bei allem, was in Bewegung ist, so etwas wie eine tragfähige Grundlage zu entwickeln – sprich: ein klares, profiliertes Priesterbild. Das ist ein sensibles Thema: Wir haben heute nicht mehr das eindeutige Priesterbild, wie es früheren Generationen vielleicht noch zu eigen war, z. B. der Priester als der „Pastor“ oder „Vater“ seiner Gemeinde etc. Ob man sich ein solches Bild zurückwünscht, ist eine ganz andere Frage; Tatsache ist aber, dass man gewisse Eckdaten priesterlichen Lebens für sich klar haben sollte. Dazu gehören für mich zuallererst die Verkündigung des Evangeliums, die Feier der Liturgie und der Heilsdienst an den Menschen, also die konkrete Seelsorge, für die sich niemand zu schade sein sollte. Das theologisch-geistliche Profil des Priesterberufes muss also auf unsere Zeit hin neu entwickelt werden, damit wir unserem Auftrag zeitgemäß nachkommen können.


Muss an der Auswahl der Kandidaten gearbeitet werden? Im Würzburger Priesterseminar gab es ja vor einigen Monaten den Fall, dass von einigen wenigen Studenten rechtsradikale und antisemitische Parolen zu hören waren.

Das hat eine große Welle an verständlichem Ärger und an Diskussionen ausgelöst. Ich selbst bin in einer Stellungnahme im August von der katholischen Nachrichtenagentur leider falsch zitiert worden, so dass der Anschein entstehen konnte, ich befürworte aufgrund dieser Vorkommnisse Gesinnungsschnüffelei oder gar das Abfragen parteipolitischer Orientierungen. Das ist Unsinn. Aber wir müssen unser Augenmerk in der Ausbildung schon auch darauf richten, reife Urteilskraft in politischen Angelegenheiten zu befördern. Antisemitismus und völkische Fremdenfeindlichkeit sowie andere politische Extrempositionen sind hier absolute Tabus!


Wie läuft eigentlich die Auswahl der Priesteramtskandidaten ab?

Es gibt mittlerweile beinahe so viele Wege zum Priesterberuf, wie es Kandidaten gibt! Oft kommt der erste Kontakt recht unkompliziert zustande, etwa über Priester vor Ort oder zunächst unverbindliche Kontakte mit der Berufungspastoral oder auch mit dem Priesterseminar. Sobald das Interesse konkret wird, suchen Interessierte das Gespräch mit dem Regens oder Subregens des Priesterseminars. Nach einem ersten Informationsgespräch gibt es ein differenziertes Aufnahmeverfahren, je nach Alter und bisherigem Werdegang. Es finden vertiefende Gespräche mit den Verantwortlichen in der Priesterausbildung statt, und es gibt eine psychologische Begutachtung sowie eine gründliche medizinische Untersuchung. Natürlich werden auch die Zeugnisse und die bisherige Ausbildung berücksichtigt. Ebenso gibt es Rückfragen bei den Priestern der Heimatgemeinden, bei Religionslehrern und im gegebenen Fall bei anderen Gutachtern. Es gibt also alles in allem eine breite Grundlage für die Aufnahme der Kandidaten, aber der eigentliche Entscheidungsprozess geschieht natürlich erst auf dem Weg der Ausbildung.

 
 

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