Nachbarschaftsbesuch bei der Königin

Auf Empfehlung von Erzbischof Becker reisten wir, der Oberkurs des Priesterseminars, vom 09. bis zum 17. September unter Leitung von Regens Dr. Michael Menke – Peitzmeyer durch den Süden unseres Nachbarlandes Polen. Die beiden Hauptziele waren die Stadt Oświęcim (früher Auschwitz) und die lebendige Kulturmetropole Krakau. Nach der Landung in Kattowitz haben wir den wohl wichtigsten und berühmtesten Wallfahrtsort Polens aufgesucht: Tschenstochau mit dem Gnadenbild der Schwarzen Madonna; die Muttergottes ist laut Landesverfassung sogar "Königin von Polen".
Die ersten drei Tage waren dem Gedächtnis eines der wohl schrecklichsten Ereignisse des zweiten Weltkrieges gewidmet: dem Besuch der Gedenkstätte(n) der Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau. Es fiel uns schwer, uns bei strahlendem Sonnenschein, begleitet von vielen anderen Besuchergruppen, die Ereignisse des Grauens und Schreckens dieser Orte vorzustellen, die vor 80 Jahren hier geschehen sind. An den von den Nazis vor ihrer Flucht  gesprengten Gaskammern und Krematorien am Ende der „Rampe von Birkenau“ hielten wir inne und dachten im Gebet an die unzähligen Juden, Sinti, Roma, Polen und sowjetische Kriegsgefangene, Männer, Frauen und Kinder, die hier auf grausamste Weise ermordet wurden. Den Birkenau-Kreuzweg betend, der von Pfarrer Dr. Manfred Deselaers, dem Leiter des Zentrums für Dialog und Gebet in Oświęcim,  verfasst und begleitet wurde  und dessen vierzehn Stationen an verschiedene Orte des Grauens im ehemaligen Lager Birkenau verteilt waren, erschlossen wir uns das riesige Gelände, das einst nur einen einzigen Zweck hatte: Menschen zu vernichten. Im Gebet für die Opfer durchschritten wir diesen Ort in der Verbundenheit mit allen, die auch damals den Glauben an Gott nicht verloren haben. Erinnert sei hier besonders an Pater Maximilian Kolbe OFMConv, der im Lager Auschwitz  stellvertretend für einen Familienvater in den Hungerbunker ging. Aus seiner Todeszelle waren für die Wachen immer wieder Gebete und Marienlieder zu hören. Für alle Beteiligten waren dies prägende Tage, deren Bilder und Eindrücke uns noch lange in Erinnerung bleiben werden.
Nach dem dreitägigen Aufenthalt in Oświęcim führte uns die Reise weiter nach Krakau, der Stadt, in der der Heilige Papst Johannes Paul II. vor seiner Wahl lebte. An Karol Wojtyla erinnern viele Statuen, Denkmäler, Reliquien und Bilder, die von der glühenden Verehrung der Gläubigen zeugen, die diesem Heiligen  unserer Tage dort entgegengebracht wird. So wurde uns auch die Ehre zuteil, an seinem Primizaltar in der Krypta der Wawel–Kathedrale die Heilige Messe zu feiern, bevor wir diesen geschichtsträchtigen Ort, der gleichsam das Nationalheiligtum des polnischen Volkes ist, erkunden konnten. An die Kathedrale schließt sich auf dem Wawel–Hügel das Schloss an, in dem bis ins 18. Jahrhundert die polnischen Könige residierten. Ein weiteres Ziel unserer Tour war nach der Besichtigung der altehrwürdigen Universität, durch deren ältestes Gebäude wir eine kurzweilige Führung erhielten, der Stadtteil Kazimierz. Dieser war bis 1800 eine eigenständige Stadt, zu der mehrere Synagogen und ein eigenes jüdisches Viertel gehörten. Allerdings wird heute nur noch eine Synagoge von der kaum mehr als 200 Personen umfassenden jüdischen Gemeinde als Haus des Gebetes genutzt. Vor dem Holocaust bestand die jüdische Gemeinde aus mehreren zehntausenden Mitgliedern. Die vielen Eindrücke dieses heutzutage auch von Studenten sehr geschätzten Viertels konnten wir am Ende des Tages in einem der bekannten jüdischen Restaurants ausklingen lassen. Zu weiteren Orten unserer Reise zählte unter  anderem auch die Emaillie-Fabrik von Oskar Schindler, der gut 1.200 Menschen  vor der Ermordung in den Vernichtungslagern durch die Nazis bewahrte. Am Tage unserer Abreise hatten wir noch die Gelegenheit, die Heilige Messe in der ersten Kirche der von den Kommunisten entworfenen und erbauten Arbeiterstadt Nowa Huta zu feiern. Sie wurde als eine „Stadt ohne Gott“ geplant - und damit auch als eine Stadt ohne Kirche. Der friedliche Widerstand der Bevölkerung führte mit Unterstützung von Kardinal Karol Wojtyla allerdings dazu, dass unter Eigenregie quasi in der Freizeit eine Kirche gebaut werden konnte, die 1977 als Arche Gottes fertiggestellt und geweiht wurde.
Wir sind sehr dankbar für die gemachten Eindrücke und Begegnungen, die uns noch lange begleiten werden.


Duc Thien Nguyen, Dominic Molitor, Jakob Jan Küchler, Lukas Hellekes, Oliver Schütte


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